Was ist Budopädagogik? – Begriffsklärung und Abgrenzung

Shomen (jap. Stirnseite) als zentrales Symbol im Dojo spiegelt die essenziellen Ideen und Werte des unterrichteten Stils wider. Es ist Ausdruck des Verständnisses des dort unterichtenden Sensei.

Im ersten Beitrag habe ich erzählt, wie ich zum Budo kam und wie aus mir ein Budopädagoge wurde. Auf meiner Webseite können Sie nachlesen, was ich darunter verstehe und wie es eingesetzt werden kann. Doch das macht noch nicht wirklich greifbar, was das konkret bedeutet.

Häufig muss ich Auftraggebern erklären, was mich vom Box- oder Judoangebot des Vereins um die Ecke unterscheidet. Am besten funktioniert das natürlich mit „Erleben statt Reden“ – mit einer Probestunde, die ich ernsthaft interessierten Auftraggebern anbiete. Auch hier gilt: Der Geschmack kommt beim Essen, nicht beim Lesen der Speisekarte. Im Medium Blogbeitrag bleiben wir zwangsläufig bei der Speisekarte – ich wage aber den Versuch, genauer zu erklären, was wir Budopädagogen unter dem Begriff „Budopädagogik“ verstehen und wie wir uns von anderen kämpferischen Angeboten unterscheiden. So haben Sie das Gericht wenigstens schon einmal besser vor Augen.

Was Budopädagogik nicht ist

Auch wenn es für Laien im selben Look daherkommt und sich teilweise sogar mit demselben Etikett schmückt, ist Budopädagogik zunächst kein Kampfsport- oder gar paradoxes „Budosport“-Angebot.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert führten Modernisierung und fortschreitende Internationalisierung dazu, dass traditionelle Systeme in eine wettkampforientierte Sportidee gegossen und damit ihrer ursprünglichen Potenz beraubt wurden. Kampfkunst und Kampfsport sind seitdem als eigenständige Formate zu verstehen und klar voneinander abzugrenzen.

Kampfsport ist – je nach Ausrichtung – Breiten- oder Leistungssport mit europäischem Wettbewerbsgedanken: Er fördert westliches Leistungsdenken und sportliche Körperoptimierung und ist vereins- und verbandsgetragene Körperertüchtigung. Die Techniken sind auf Objektivierbarkeit und Wettkampf zugeschnitten, der Trainer fördert vor allem die Leistungsträger, die dem Verein Erfolg bringen.

Kampfkunst dagegen ist als Weglehre bewegte Philosophie mit östlichem Gemeinschaftsgedanken. Sie fördert vor allem Selbst- und Persönlichkeitsentwicklung. Die Techniken behalten die Gefährlichkeit und Kraft der historischen Kriegskünste, dienen aber vor allem als Übungswerkzeug zur Auseinandersetzung mit der eigenen Gewalt – als Mittel, um Achtsamkeit, Demut und Empathie zu erlernen. Der Lehrer ist um den Fortschritt jedes Schülers bemüht, der den Willen zur Entwicklung zeigt.

Budopädagogik ist zudem kein Selbstverteidigungsangebot. Solche Angebote zielen meist darauf ab, Angriffe auf die körperliche und geistige Gesundheit gegen einen überlegenen Gegner abzuwehren und schulen einfache, effektive Techniken zum Selbstschutz. Budopädagogik ist vielseitiger einsetzbar: Je nach Zielsetzung stehen persönlichkeits- und kompetenzsteigernde Aspekte im Vordergrund. Sie kann ein gemeinschaftliches Miteinander fördern, das Konflikte vermeidet, statt Menschen für die Abwehr von Gewalt zu rüsten. Sie kann für Täter gestaltet werden, um sich mit der eigenen Gewalt auseinanderzusetzen, statt sie zu tabuisieren, und sie ganzheitlich zum Umdenken zu bewegen. Und sie kann Opfer in Selbstbewusstsein und Selbstwert stärken (Empowerment), damit sie gar nicht erst zum Opfer werden.

Bu - die Befassung mit dem Kampf als zentrale Übung im Budo.

Was Budopädagogik ist

Die Disziplin der Budopädagogik nach Dr. Wolters ist die spezielle Pädagogik

  • des Budo (Was wird im Budo gelehrt?),
  • im Budo (Wie werden Lernprozesse organisiert?) und
  • durch Budo (Was wird speziell wie erreicht?)

(Quelle: budopaedagogik.de)

Budo meint dabei mehr als die oberflächliche Definition als „fernöstliche Kampfsportart“, die sich bisweilen im Sprachgebrauch findet. Hinter dem Wort verbirgt sich ein weitreichendes System traditioneller Künste, das sich philosophisch aus Zen-Buddhismus, Daoismus und Konfuzianismus speist und seit seiner Entwicklung aus den Kriegskünsten per se erzieherisch wirkt. Dr. Wolters arbeitet sechs wesentliche Elemente heraus, die Budo definieren:

  • Bu – das Handwerk bzw. die Technik des Kämpfens als zentrale Übung
  • Do – die prozessorientierte Weglehre
  • Dojo – der wertgeschätzte, rein der Kampfkunst gewidmete Ort
    und Schutzraum sowie die Gemeinschaft Gleichgesinnter
  • Reigi – die Regeln und Rituale der Achtsamkeit und Wertschätzung
  • Shitei – die herzbetonte Beziehung zwischen Lehrer und Schüler
  • Zen – die Besinnung, Beseelung und Vertiefung aller Übungen über die offensichtliche Form hinaus

Budo erreicht als originäres System durch die Befassung mit der eigenen Gewalt Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit – nicht durch theoretische Auseinandersetzung, sondern durch aktives Erleben.

Budo war jedoch nie für die breite Masse gedacht. Die Meister traditioneller Budo-Systeme haben ihre Bewerber stets auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie sie als Schüler angenommen haben. Daran würde sicherlich ein jeder meiner Klienten scheitern. Hier kommt die Budopädagogik ins Spiel: Sie nimmt die Werte und Wesenselemente des Budos und macht sie durch die „Synergie östlicher und westlicher Verfahren der Persönlichkeitsbildung und -entwicklung“ für eng definierte Zielgruppen anpassbar und nutzbar. Die Rahmenbedingungen werden budo-orientiert gestaltet, Übungen werden für das jeweilige pädagogische Ziel spezifisch ausgewählt und systematisch geübt. Alle sechs Wesenselemente finden eine Entsprechung in der budopädagogischen Arbeit, die die Klientel zielgerichtet bei ihren Defiziten abholt und an ihre Potenziale anknüpft.

In der Regel sind budopädagogische Projekte also auf Zielgruppen spezifisch angepasste, an pädagogischen Zielsetzungen ausgerichtete, zeitlich begrenzte Projekte, die die Systematik, Methodik und Didaktik des Budos zur Erreichung dieser Ziele nutzt. Ein ganzheitlicher Ansatz für Körper und Geist, der Ereignisse im Budo schafft, deren Erlebnis Erfahrungen generiert, die die Klienten nachhaltig positiv beeinflussen.

Die Weiterbildung zum Budopädagogen/zur Budopädagogin befähigt zur Gestaltung und Durchführung derartiger Projekte.

Wie das in der Praxis konkret aussieht, zeige ich Ihnen im nächsten Beitrag anhand eines echten Projekts – von der ersten Anfrage einer Schule bis zum Abschlussgespräch.