Ein Budopädagogik-Projekt von innen – wie das Dojo an die Schule kommt

Im letzten Beitrag habe ich erklärt, was Budopädagogik im Kern ist und wie sie sich von Kampfsport und Selbstverteidigung unterscheidet. Heute zeige ich Ihnen, wie ein Budopädagogik-Projekt in der Praxis abläuft – von der ersten Anfrage einer Schule bis zum Abschlussgespräch.

Nicht einfach nur kämpfen üben. Auch Kopf und Herz werden im Projekt mit abgeholt.

Die ersten Schritte

Im Konkreten läuft ein budopädagogisches Projekt wohl häufig wie folgt ab: Schule X meldet sich bei mir, weil sie ein Problem hat. Auf dem Schulhof eskalieren die körperlichen Übergriffe, die Lehrer sehen sich nicht in der Lage, der Sache Herr zu werden, und die Schulsozialarbeit schafft es allein nicht, geeignete Maßnahmen zu etablieren. Der Fördertopf der Schule hat noch Gelder oder es gibt eine Förderung durch andere Träger und man möchte gern mit mir für das nächste Halbjahr zusammenarbeiten.

Ich lege der Schulleitung Angebote vor, die realistische Ziele widerspiegeln, die man in einem halben Jahr erreichen kann: Täterarbeit („Friedvolle Krieger“-Projekte), Friedensstifter-Angebote oder klassenspezifische Angebote, die Verständnis und Miteinander im Klassenverband fördern sollen, sind hier denkbar. Die Schule entscheidet sich für den „Täter“-Kurs – meist das undankbarste Angebot, aber häufig das, was die Schulen am sinnvollsten erachten.

Ich kläre die Schulleitung über die Rahmenbedingungen und Risiken eines solchen Kurses auf. Erfahrungsgemäß wird in diesen Kursen zielgruppenbedingt wenigstens ein Drittel der Teilnehmer abspringen. Aufgrund der Schwierigkeit der Zielgruppe empfiehlt sich ein Arbeiten in kleiner Gruppenstärke – Die Schule hätte gern viele Schüler untergebracht, weil sie pro Kind Geld bekommen – wir finden eine Gruppenzahl mit der wir beide einverstanden sind.

Es folgt ein erstes Treffen, das Begehen der Räumlichkeiten und die Suche nach einem geeigneten Ort für das Projekt. Die Wahl des richtigen Orts ist wesentlich für den Erfolg des Projekts. Im Idealfall findet eine Runde mit den Lehrern der Schule statt, in der das grundsätzliche Konzept vorgestellt und potenziell geeignete Schüler ausgesucht werden. Es folgen Elterngespräche und der gesamte logistische und verwaltungstechnische Vorbau. Ideellerweise findet ein Kennenlernen im Vorfeld statt.

Die erste Stunde

Für den ersten Projekttag wähle ich passende Übungen aus. Ich plane die ersten drei Einheiten akribisch und lege den Grobplan bis zum letzten Tag fest – so halte ich mir offen, anzupassen und zu modifizieren, sollte sich das Projekt anders entwickeln als erwartet.

Grundsätzlich geht es darum, ein Verständnis für die ausgeübte Gewalt zu schaffen und zu vermitteln, dass körperliches Ausagieren am Ende zum Verlierer macht. Hierfür stehen mir zahlreiche Kampfübungen zur Verfügung, die an den entsprechenden Stellen ansetzen und die richtigen Erfolgserlebnisse bereithalten. Kampfspiele holen die Teilnehmer beim Thema ab und bieten gute Möglichkeiten, im Nachhinein zu reflektieren. An Kampfkunstübungen wähle ich weiche Techniken, die verdeutlichen: Gewinnen durch Umleiten und Abwehren statt Gewinnen durch Zuschlagen. Unterstützt wird das Ganze durch eine etablierte Etikette (Verhaltenskodex). In der ersten Stunde wird es vor allem um ein Kennenlernen gehen. Gruppendynamiken stehen ebenso im Vordergrund wie das Austesten von Grenzen. Mein Vorteil? Da steht ein Typ vorn, der offensichtlich Ahnung vom Kämpfen hat. Und kämpfen finden die meisten Kinder spannend (insbesondere eben jene „Täter“)

Ich reise mit meinem mobilen Dojo zum Auftraggeber und richte den Raum her – mit Stellwänden, einer Fußmatte und einem eigens mitgebrachten „Shomen“ (eine Art Altar, der die Werte des Kurses durch geeignete Gegenstände widerspiegelt). Ich entferne unnötige Ablenkungen und schaffe einen reizarmen Raum, der für die Zeit dem Budo gewidmet ist. Ich ziehe meinen budopädagogischen „Karateanzug“ an und halte mich bereit. In den ersten Stunden ist es meist sinnvoll, den Schulsozialarbeiter oder eine andere Bezugsperson im Raum zu haben, die im Notfall mithelfen kann, da ich noch keine Beziehung zu den Kindern aufgebaut habe.

Ich begrüße die Kinder und gebe eine kurze Einführung. Alle stellen ihre Schuhe ordentlich hin und verneigen sich beim Betreten des „Dojo“. Ich achte auf die Einhaltung der vorher eingeführten Regeln – streng, aber herzlich, klar in meinen Regeln, aber nicht nachtragend. Bereits kleine Erfolge verstärke ich positiv. In der Regel gibt mir der schwarze Gürtel um meine Hüfte einen Vertrauens- und Respektvorsprung.

Wir stellen uns zunächst im Kreis auf. Kurzes Sitzen zur Meditation mit Klangschale, um die Kinder etwas zu beruhigen und aus dem Schulalltag herauszuholen. Eine der ersten Dinge, die ich angehe, ist „Stopp“ sagen zu üben und das Stopp des anderen zu akzeptieren. Das „Einfrieren“-Spiel bringt die Kinder zunächst spielerisch dazu, auf mein „Stopp“ zu hören. Dann folgen Raufspiele mit vereinbartem „Stopp!“, das sofort jegliches Spiel beendet – sagen und drauf hören. Ich greife ein und beende die Übung, sollte sie eskalieren. Danach Sitzkreis und Abfrage der Gefühle beim Spiel: Wie hat sich Gewinnen angefühlt, wie Verlieren – und wie hat es sich angefühlt, Stopp zu sagen und gehört zu werden?

Erfahrungsgemäß kommt hier am Anfang des Kurses noch keine produktive Antwort – auch das gehört zum Prozess. Im späteren Verlauf werden die Antworten differenzierter, und man kann damit arbeiten. Es folgen erste Partnerübungen zum Umlenken und Ausweichen von Angriffen – wichtig ist, ruhig zu bleiben. Auch den angreifenden Partner muss ich im Tempo zurückhalten, damit der andere üben kann. Die Rollen in den Partnerübungen werden zweimal getauscht, damit jeder gleichermaßen Angreifer und Verteidiger ist. Vor und nach jeder Übung steht ein Verneigen mit Gassho als Geste des „Herzschenkens“. Ein Entschuldigungsritual für den Fall, dass es doch einmal zu heftig wird, führe ich exemplarisch beim ersten Vorfall ein und spiele es durch. Zum Ende gibt es, je nach Stimmung der Kinder, eine passende Geschichte oder eine kurze Qi-Gong-Übung zur Beruhigung: dreimal tief durchatmen. Zum Schluss ein Dankeskreis, in dem wir uns alle beieinander bedanken. Begegnung, Bewegung und Besinnung finden sich hier ebenso wieder wie in jeder weiteren Stunde.

In jeden Raum ein "Dojo" zaubern. Unruhige Ecken wegsperren, um konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen. Athmosphäre schaffen für einen neuen Raum, in dem man sich neu entdecken kann.

Der weitere Verlauf

Im Verlauf des weiteren Projekts werden die Kampfkunstübungen des Umlenkens und Abwehrens um Aspekte des Hebelns und Fixierens ergänzt, damit erfahrbar wird: Wer nicht zuerst schlägt, ist souverän. Man kann siegen ohne zu kämpfen. Und wer cool bleibt und sich nur verteidigt, wird am Ende der Sieger sein. Häufig ist dies für viele Kinder bereits die notwendige Kontrasterfahrung.  Partnerwechsel und die Tiefenwirkung der Technik über Kontakt und tiefes Spüren fördern Empathie. Das Bild des friedvollen Kriegers wird etabliert, und die Kinder verstehen, dass andere über sie Macht haben, wenn sie zum Zuschlagen provoziert werden. Erfolge im Schulalltag werden berichtet und positiv verstärkt. Wenn es mal wieder schiefgegangen ist, wird nicht getadelt, sondern gemeinsam überlegt, wie es besser hätte laufen können. Wir arbeiten zu Gefühlen wie Wut und Angst in Wort und Tat, damit die Kinder verstehen, was bei ihnen und beim anderen passiert. Wir lernen, Freundlichkeit zu zeigen und wertzuschätzen. Die Kinder werden genommen wie sie sind und nicht für Ihr Verhalten verurteilt.

Im weiteren Verlauf bekommen die Kinder im Rahmen einer „Zwischenprüfung“ Projektshirts, die sie als friedvolle Krieger (in Ausbildung) auszeichnen. Dreimaliges Atmen hilft zur Beruhigung – bei Bedarf wird „meine Wut“ vorher herausgeschrien (Ki-Ai).

Am Ende des Projekts haben die Kinder verstanden, was sie wütend macht, und Handlungsstrategien gelernt, um damit besser umzugehen. Sie haben im Alltag Erfolge erlebt, die zeigen, dass sie ihre Konflikte anders lösen können. Es wird sicher nicht immer gelingen, aber vor allem die Haltung hat sich verändert: Die Kinder greifen im Ausnahmefall zur Gewalt, weil sie nicht anders können und nicht mehr, weil sie es wollen. Dadurch finden auch die wilden Kinder mehr Akzeptanz und damit mehr Lebensfreude. Sie beginnen seltener Kämpfe und versuchen, das Gelernte umzusetzen. Weil ihre Gewalt gesehen und nicht verurteilt, sondern damit gearbeitet wurde, können sie besser einordnen und ablegen. Sie verstehen, dass die Wut zu ihnen gehört und sie mehr darunter leiden, wenn sie sie an anderen auslassen. Da die Erfahrungen im sicheren Rahmen eines Budo-Projekts ausprobiert werden konnten, sind die Erfolge nachhaltiger, weil sie nicht nur theoretisiert, sondern körperlich erfahrbar wurden.

Das ist neben dem Geld, das ich damit verdient habe, der eigentliche Lohn. Zahlreiche Dankeskarten zeigen, wie sehr Kinder von diesem Angebot profitiert haben. Lehrer und Schulsozialarbeiter sehen und schätzen die Erfolge.

Zwischen- und Abschlussgespräche finden in der Regel mit den Schulsozialarbeitern und der Leitung statt, bei Bedarf auch mit den Lehrern.

Sei bereit und auf Kommando leg los:"Hajime!" So kann man kämpferisch lernen, die eignen Impulse zu kontrollieren.

Darum Budopädagoge

 Die Weiterbildung zum Budopädagogen hat mich dazu befähigt, derartige Angebote zu erstellen. Noch heute profitiere ich von dem vermittelten Know-how. „Erleben statt Reden“, eben. Wenn Sie bei diesem Motto nur zustimmend nicken, wenn Sie die Leidenschaft für Ihre Kunst oder Ihren Sport antreibt, kann ich Ihnen diese Weiterbildung nur wärmstens empfehlen! Im Budo liegt eine Tiefe, die es sich lohnt zu ergründen und beruflich nutzbar zu machen.

So sieht die aufsuchende Tätigkeit eines freiberuflichen Budopädagogen aus. Diese erste Skizzierung zeigt natürlich nur den Optimalfall. In der Realität gibt es immer wieder Schwierigkeiten, auf die ich an anderer Stelle gern einmal eingehe.

Im nächsten Beitrag soll es zunächst um den therapeutischen Nutzen gehen, der dem Budo innewohnt und der ,gleich und doch anders, in budotherapeutischen Angeboten umgesetzt wird.