Kurzer Rückblick: „Ich habe erklärt, was Budopädagogik ist und wie ein Projekt aussieht. Aber es gibt noch eine zweite Disziplin, die am IfBP gelehrt wird: Budotherapie. Was der Unterschied zur Pädagogik ist und was sie ausmacht, will ich mit diesem Beitrag klären.
Definition
Budotherapie nach Wolters ist eine sozial- und körperpsychotherapeutische Methode, die bereits 1990 von Dr. Wolters in seiner Dissertation „Kampfkunst als Therapie“ beforscht wurde. Heute wird die Budotherapie nach Wolters am Institut für Budopädagogik als Weiterbildung angeboten und durch den Berufsverband der Budopädagogen als Dachverband vertreten.
Die heilsame Wirkung traditioneller Kampfkünste ist durch seine Verbindung mit den traditionellen Heilsübungen des Yoga, Thai-Chi und Qi Gong historisch verwoben und damit Teil ihrer DNA. Nicht selten waren chinesische Kampfkunstmeister erfahrene Heiler. Das Wissen um die heilenden Punkte (TCM) spielte auch in der Kampfkunst eine Rolle. Nach dem Motto „Die Menge macht das Gift“ konnten empfindliche Punkte zum Heilen oder zum Schaden eingesetzt werden. Der Einfluss des Buddhismus von Geist und Seele komplettieren die Einflüsse auf das Budo, die seit jeher therapeutisch wirken. Auch hier ergänzt das europäische Verständnis die Theorie und Praxis der Budotherapie und macht sie so für den europäisch kritischen Geist greifbarer: die Personale Leibtherapie von Karlfried Graf Dürckheim. Stark beeinflusst von seiner eigenen intensiven Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus, entwickelte Dürckheim sie als Kernstück seiner Initiatischen Therapie – und schuf damit eine Brücke zwischen fernöstlicher Übungspraxis und westlicher Psychotherapie, auf der die Budotherapie bis heute aufbaut.
Dürckheims zentrale Unterscheidung: Der Mensch hat nicht nur einen Körper – objektivierbar, biologisch messbar –, sondern ist ein Leib. Gemeint ist damit der gelebte, erfahrene, wahrnehmende Mensch, der sich durch Bewusstwerdung in seinem Leib selbst findet, statt sich nur über seinen Körper zu definieren. Diese leibliche Selbsterfahrung erschließt sich nicht über den Kopf, sondern nur im unmittelbaren, körperlichen Erleben – eine Idee, die Dürckheim mit der Tiefenpsychologie C. G. Jungs verband.
Genau hier setzt Budotherapie an: Sie steht in der Tradition von Dürckheims Personaler Leibtherapie und nutzt Bewegung, Kampf-Übung und körperlichen Kontakt als Zugang zu psychischen Prozessen: Wut, Angst oder Ohnmacht werden nicht nur besprochen, sondern im geschützten Rahmen des Dojos körperlich erfahrbar und dadurch veränderbar. Das unterscheidet Budotherapie von einem reinen Sportangebot mit Wohlfühleffekt: Sie folgt einem ausgearbeiteten Konzept, in dem jede Übung einem therapeutischen Ziel dient – fundiert durch eine Therapieschule, die seit den 1970er-Jahren wissenschaftlich weiterentwickelt wird.
Auch die diesbezügliche Forschungslage stützt diesen Ansatz: Entscheidend scheint weniger die Technik selbst zu sein als die Art der Vermittlung. Traditionelles, wertebasiertes Üben mit philosophisch-pädagogischem Ansatz zeigt in der Forschung deutlich bessere Effekte als rein technikorientiertes Training.
Durch den leibesbetonten Ansatz kann über die Körper-Seele-Geist Einheit an jedem der Punkte (Körper Seele und Geist) erreicht werden. Die Übungen in der Budotherapie sind nicht darauf angewiesen, dass der Geist die Tragweite der Übung vollends erfasst, weil sie über den Körper auch auf die Seele und den Geist Wirkung entfaltet. Das macht sie besonders geeignet für die therapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und kann darüber hinaus eine gute Ergänzung zu den kognitiv orientierten Therapien sein.
Zwei Wege, dasselbe Leid auszudrücken
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie unterscheidet man zwischen zwei großen Gruppen von Störungsbildern – und diese Unterscheidung ist für die Budotherapie zentral.
Externalisierende Störungen richten sich nach außen: Aggressivität, Impulsivität, Regelverstöße, Wutausbrüche. Dazu zählen etwa ADHS und die Störung des Sozialverhaltens. Diese Kinder fallen sofort auf – und lösen bei Erwachsenen häufig Abwehr aus. Sie bekommen viel Aufmerksamkeit, aber meist negative.
Internalisierende Störungen richten sich nach innen: Rückzug, Ängstlichkeit, Traurigkeit, körperliche Beschwerden ohne organische Ursache, geringes Selbstwertgefühl. Klassisch sind hier Depression und Angststörungen. Das Problem: Diese Kinder fallen oft nicht auf. Sie stören niemanden, sie funktionieren scheinbar – und werden deshalb häufig übersehen. Die Stillen in der letzten Reihe.
Beides kann aus derselben Wurzel stammen: Überforderung, Belastung, fehlende Sicherheit. Nur der Ausdrucksweg unterscheidet sich. Das eine Kind schluckt, das andere schlägt. Ein aggressiver Jugendlicher kann zugleich zutiefst ängstlich sein, die Aggression ist dann ein Schutzmechanismus.
Warum das für die Budotherapie entscheidend ist
Genau hier zeigt sich der Unterschied zur Budopädagogik. Dr. Wolters beschreibt die Budotherapie als störungsspezifischen Ansatz, der über die mittlerweile etablierte, eher ressourcenorientierte Budopädagogik hinausgeht und in spezifischen Programmen entweder für externalisierende oder für internalisierende Störungsbilder in Kleingruppen angeboten wird.
Das bedeutet praktisch: Bei internalisierenden Störungsbildern werden Übungen zur Aktivierung, Stärkung und Stabilisierung ausgewählt – diese Kinder brauchen Präsenz, Selbstwirksamkeit, den Mut, sichtbar zu werden. Bei externalisierenden Störungsbildern geht es dagegen um Lockerung, Entspannung und Beruhigung – hier muss zuerst Kontrolle aufgebaut werden, bevor sich Verhalten ändern kann. Die Übungen stammen aus Meditation, Qi Gong sowie aus waffenlosen und bewaffneten Kampfkunstsystemen und werden zu einem Therapieprogramm zusammengestellt, das ganzheitlich nach dem bio-psycho-sozialen Modell und störungsspezifisch nach ICD-10 arbeitet.
Abgrenzung zur Budopädagogik
Doch wie genau unterscheidet sich denn die Budotherapie von der Budopädagogik?
Ausbildungstechnisch ist die Weiterbildung zum Budotherapeuten auf die Weiterbildung zum Budopädagogen aufgesattelt. Das liegt vor allem daran, dass die wirksamen Wesenselemente auch in der Therapie Anwendung finden und deshalb gelernt und verstanden sein wollen.
Für die Arbeit im therapeutischen Kontext werden diese Wesenselement anders methodisiert. Das budopädagogische Dojo als Ort der Gemeinschaft wird deutlicher zum Schutz- und „Ander“raum, in dem Neues entstehen kann, weil alte Muster und Handlungsweisen noch keine Wirkung entfalten, da eine neue Rolle eingenommen wird und in der daraus entstehenden Leere neue Erfahrungen gemacht werden können, die dann in den Alltag transferiert werden können. Die Etikettevorschriften des autoritativen Lehrers werden zur Methode für Achtsamkeit und geben Sicherheit und Klarheit in den Konsequenzen. Die gelernten Techniken folgen keinem pädagogischen Auftrag, sondern dienen der Linderung des Leidens.
Dr. J.-M.Wolters
Letzendlich sind es aber auch Zielsetzung und Kontext, die die Budopädagogik deutlich von der Budotherapie unterscheiden. Pädagogische Kontexte im schulischen Setting gestalten sich anders als therapeutische Angebote in Therapiezentren oder Kliniken. Der Jugendliche mit ADHS und oppositionellem Verhalten wird an der Schule auf den Schläger „reduziert“ und findet sich da in Gemengelage mit anderen Kindern in täterpräventiven Gruppenprojekten wieder, die sehr viel größer sind als die therapeutischen Kleingruppen der Kliniken. Mit beiden Ansätzen kann dieser Jugendliche erreicht werden. Die Therapie kann, weil sie tiefer auf die vorhandenen Störungen und konkreter am Leiden ansetzt womöglich umfassendere Veränderungen bei dem Jugendlichen erreichen. Aber auch das pädagogische Ziel kann dem Jugendlichen ein Stück weit Linderung verschaffen, weil er lernt, anders mit seinen Konflikten umzugehen.
In den nächsten Beiträgen werde ich weitgreifender und allgemeiner über Methoden und Ansichten schreiben, als ich es bis jetzt getan habe. Es war mir wichtig zunächst meine Arbeit darzustellen, bevor ich detailierter auf bestimmte Facetten eingehe.
