Mein Weg zum Budo und zur Budopädagogik

Ein Abend, der alles verändert hat

Aus dem Augenwinkel nahm ich sie wahr – eine Reflexion in den Scheiben der dunklen Drogerie, an der ich vorbeiging. Die zwei Typen, wegen denen ich beschlossen hatte, doch lieber durch die dunkle Gasse nach Hause zu gehen, zeigten auf mich: „Los! Den schnappen wir uns!“ Damit war alles klar. 

Ich schaltete auf Flucht und sprintete die Straße hinunter. Im vollen Lauf schoss  ich auf die Querstraße und tauchte in eine Mischung aus hellem Scheinwerfer und quietschenden Bremsen. Dann die Erleichterung: Unverletzt blickte ich auf die Front der damals noch typischen VW Polizeiwagen.

Es folgten eine Vernehmung und Ausflüchte meiner braungesinnten Verfolger, die dann sicherheitshalber doch mitgenommen wurden. Glück gehabt! In den Tagen danach wurde mir klar, dass ich mich nicht mehr auf mein Glück verlassen möchte.

Also suchte ich mir zuerst etwas für die Selbstverteidigung – Jujutsu war das Mittel der Wahl. Zugegeben, die Techniken funktionierten und es war auch interessant. Aber irgendetwas fehlte mir. Ich konnte es damals nicht benennen, es war mehr ein Bauchgefühl. 

Der erste Blick hinter die Technik

Einer meiner Kommilitonen bot eine andere Art Kampfkunst-Unterricht an. Ich schaute vorbei – aus Neugier, ohne große Erwartung. Und da war es: Diese Ahnung, dass hinter dem bloßen Training etwas Größeres lag. Nicht nur „wie schlage ich zu“, sondern „was macht es mit mir“. Ich verstand es noch nicht wirklich. Aber ich wollte es verstehen! Mein Kommilitone wurde mein Lehrer und das Dojo Greifswald hatte einen weiteren Schüler in mir gefunden. Mehr noch verstärkte sich die Sinnhaftigkeit als ich in Stade meinen heutigen Lehrer kennen lernte.  Der Geist der Kampfkunst fand seinen Ausführungen und seinem Handeln Ausdruck, er war zu spüren in der achtsamen Gestaltung des Dojos und der höflichen Offenheit seiner Schüler. Ich fing Feuer.

Aus der Krise eine Chance gemacht

Die endgültige Entscheidung für den Weg und damit auch meine Rolle hier in meiner Heimatstadt traf ich erst später und wurde mir durch meinen damaligen Lehrer eher übergeholfen. Sein Zweifel am Weg seines Lehrers war schon länger im Unterricht zu spüren. Nach Abschluss seines Studiums trennte er sich auf sehr unschöne Weise von meinem heutigen Lehrer, dessen Lehren und auch von denen, die er in dessen Lager wähnte. Fast alle meine damaligen Mitschüler und Freunde gingen mit ihm. Meine engsten Weggefährten waren plötzlich nicht mehr da – ich stand fast allein und musste mich entscheiden, wie ich damit umgehen sollte.

Ich blieb. Nicht aus Trotz, sondern weil mich etwas an meinem heutigen Lehrer überzeugte, was meinem alten Lehrer fehlte: Authentizität. Was er sagte und was er tat, waren nicht zwei verschiedene Dinge. Genau das ist es, was Budo für mich seitdem eben auch bedeutet: Kongruenz zwischen Wort und Handlung – Verbindlichkeit.

Der Absprung: Warum ich kein praktizierender Jurist wurde

Ich hatte Jura studiert – aus den falschen Gründen, wie sich zeigen sollte. Staubige Gesetzestexte und Gerichtssäle waren einfach nicht meins. Während eines Lehrgangs in Schweden wurde mir dagegen etwas anderes klar. Ich fühlte mich lebendig, wenn ich Wissen weitergab. Ich leitete zu der Zeit bereits eine Kindergruppe – und diese Arbeit erfüllte mich mehr als jedes Jurastudium.

Nach dem zweiten Staatsexamen traf ich also eine Entscheidung, die viele nicht verstanden: Ich ging nicht in eine Kanzlei, sondern in ein Callcenter. Um Geld zu verdienen. Für die Weiterbildung zum Budopädagogen am IfBP.

Der Schritt in ein Leben voller Budo

Nach der Weiterbildung und einigen ersten Projekten im Rahmen einer angestellten Tätigkeit in der Erwachsenenbildung stand die nächste Entscheidung an. Wieder ging ich gegen den Rat der Experten. „Selbständig in der Pädagogik? Haben Sie sich das gut überlegt?“

Ich hatte keinen Bock mehr auf noch eine befristete Stelle in der Bildungsbranche, die mich nur halbherzig erfüllte. Ich wollte es wagen und machte mich selbständig. Mit Budopädagogik als meinem Beruf. 

In der Zeit begann ich auch meine Aktivitäten im Dojo auszuweiten und ebenfalls Jugendliche und Erwachsene zu unterrichten. Bald erfüllte die Praxis traditionellen Budos mich und meinen Alltag. Ob originär im Dojo oder in den diversen Projekten an Schulen, in Jugendclubs und therapiegestützten Wohngruppen. Neun Jahre lang – auch durch Corona und andere Krisen.

Was mich bis heute trägt

Was mich seitdem immer wieder bestätigt, ist nicht abstrakte Theorie, sondern das, was ich bei den Menschen sehe, mit denen ich arbeite. Ich spüre deutlich, wie meine Arbeit den Menschen etwas gibt. Wie in meiner Arbeit Begegnung, Bewegung und Besinnung in einandergreifen.

Seit ich Budo anbiete, gab es immer wieder Menschen, die sich dazu berufen fühlten, alte Muster zu überdenken. Es gab immer wieder Menschen, die für meinen Unterricht ihr Leben veränderten und mir durch viele kleine und große Gesten zeigen, wieviel ihnen die Beschäftigung mit Kampfkunst bedeutet.

Nicht allein wegen der Technik, sondern dem, was dahinter liegt. Das zeigt mir jedes Mal aufs Neue: Budo wirkt. Es macht Menschen friedlicher, gelassener, glücklicher – es stiftet Sinn, gibt Bestimmung, ist moralischer Kompass, sicherer Hafen, der Raum, um zu wachsen.

Wo ich heute stehe

Die Weiterbildung zum Budopädagogen am Institut für Budopädagogik und -therapie war für mich der Schritt, der aus einer Berufung einen Beruf gemacht hat. Auch als Quereinsteiger – ohne pädagogisches Studium – kann ich dadurch fundiert arbeiten. Das Wissen und Können, das die Weiterbildung mir gaben, wappnete mich, gerade auch mit schwierigen Zielgruppen zu arbeiten. Da wo andere Pädagogik aussteigt, beginnt meine Arbeit.

Heute lebe ich, was ich damals als junger Erwachsener nicht in Worte fassen konnte: dass hinter der Technik mehr steckt. Ein Sinn in all der Sinnlosigkeit, eine Bestimmung, die mich erfüllt, ein Weg, der noch so viel für mich bereithält.

In den nächsten Beiträgen nehme ich Sie mit hinter die Kulissen dieser Arbeit – was Budopädagogik konkret bedeutet, wie sie in Projekten aussieht, und warum die Weiterbildung auch für Sie ein interessanter Weg sein könnte.